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Camino Tours

Reisebericht vom Jakobsweg

Wie ist es, nicht an sondern über seine Grenzen zu gehen?

Diese Erfahrung sollte ich auf meiner Wanderung auf dem Camino Francés machen! Eine liebe Freundin berichtete mir begeistert über ihren letzten Urlaub. Sie war auf einem Stück des Jakobsweges gelaufen. Es klang alles sehr interessant und machte mich neugierig. Also fragte ich sie aus und sie erzählte mir mit einer so großen Begeisterung von den Leuten, den Landschaften und den Begegnungen auf dem spanischen Jakobsweg. Ihre Erzählungen zogen mich in ihren Bann und ich überlegte, ob das wohl auch was für mich wäre?

Ich war eigentlich nie so der große Wanderer, aber sonst schon sportlich aktiv. Die Frage war: Könnte ich das schaffen – jeder Tag 20 Km laufen? Halten das meine Füße aus… und dann die Blasen? Ich wollte und musste es heraus, finden!

Ich wählte die Strecke Sarria – Santiago, die letzten 118 Km. Denn nur wer die gelaufen war bekommt als “Belohnung” die begehrte Pilgerurkunde! Und das war das Mindeste, was ich von meiner Reise mitbringen wollte. Auch um sie den Skeptikern meiner Familie und meinen Freunden zu zeigen! Nach reiflicher Überlegung, der nötigen Planung und Vorbereitung setzte ich mein Vorhaben in die Tat um. Die Zimmer und der Gepäcktransport wurden durch Camino Tours, mit ihrer tollen Agentur in Santiago de Compostela, gebucht. Das Team war auch mein deutschsprachiger Kontakt vor Ort. Schnell noch der Flug gebucht und es konnte los gehen.

Ich flog direkt von Frankfurt nach Santiago de Compostela, und war aufgeregt – was würde mich erwarten? Mit dem Bus wurde ich von Santiago nach Sarria gebracht. Hier sollte meine Wanderung beginnen. Mein kleines Hotel lag genau im Zentrum und zur Einstimmung ging ich in ein landestypisches Lokal lecker essen. Danach bummelte ich noch durch die Stadt. Ich hatte mein Pilgerbüchlein, den “Credencial del Peregrino” dabei.  In einer kleinen Kirche holte ich meinen ersten Stempel ab und dokumentierte so den Startpunkt meiner Wanderung.

Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg meiner ersten Etappe. Sie führte nach Portomarin, ganze 22 Km. Und da war sie wieder – meine Befürchtung, es nicht zu schaffen. Nach kurzer Zeit fand ich meinen Wanderrhythmus und kam besser zurecht als ich dachte. Mein Weg führte mich durch Wiesen und Felder, vorbei an kleinen Bauernhöfen, die zur Einkehr einluden. Ein frisch gepresster Orangensaft war meine erste Belohnung für gewanderte 8 Km. Weiter ging es auf einsamen schmalen Wegen und nur selten hörte man das “Buen Camino” (Guten Weg) von anderen Pilgern. Mittags hatte ich schon 16 Km geschafft und 3 Stempel in meinem Pilgerpass. So gönnte ich mir bei netten Bauersleuten ein üppiges Mittagessen vom “Buffet”. Es war unglaublich – ein ganzer Tisch voller regionaler Spezialitäten. Alles gekocht und gebacken von der Oma der Familie. Ich wusste nicht, was ich zuerst probieren sollte, alles duftete und sah sehr gut aus, und schmeckte köstlich! Als ich zahlen wollte, zeigten die Wirtsleute auf ein Schild: “Iss was du willst und zahle was du kannst!” So was hatte ich nicht erwartete. Die tolle Gastfreundschaft und das leckere Essen waren mir schon einige Euro wert. Frisch gestärkt machte ich mich an die letzten Kilometer dieses Tages und holte mir weitere Stempel.

Als ich die große Brücke von Portomarin erreichte, war ich glücklich und froh, die erste Etappe ohne Probleme und Blasen – aber mit vielen Eindrücken geschafft zu haben. Motiviert startete ich am nächsten Tag meine zweite Etappe nach Palas de Rei, ganze 25 Km am Stück! Diese Wanderung sollte es in sich haben.

Gleich am Anfang ging es stetig bergan und erst nach 10 Km gab es die erste Einkehrmöglichkeit. Völlig überfüllt mit zahlreichen Pilgern und Fahrradfahrern, aber mit internationalem Flair. Nach dem mittlerweile obligatorischen Orangensaft ging es weiter und da der Weg wirklich anstrengend war, schaffte ich nur wenige Kilometer. Der Weg führte durch weite Flächen und Hochebenen und ich hatte das Gefühl nicht wirklich voran zu kommen. So hörte ich auch von anderen Pilgern oft nur ein erschöpftes “Buen Camino”.

Am späten Nachmittag erreichte ich mein Hotel und war froh, diese Etappe hinter mir gelassen zu haben. Alles tat mir weh und ich wollte nur noch ausruhen. Ehrlich, ab und zu hatte ich schon mit mir gehadert: Was machst du hier….?, Musst du dir das antun…!, Es gibt wahrlich schönere Möglichkeiten den Urlaub zu verbringen…! Aber nach einer erholsamen Nacht war ich wieder voll motiviert und gespannt auf die dritte Etappe. Diese war mit 16 Km auch nicht so lang und so bummelt ich mehr durch die schöne Landschaft, als das ich wanderte. Gegen eine kleine Spende ließ ich mir in kleinen Kirchen wieder Stempel in mein Pilgerbüchlein drücken.

So kam ich schon am frühen Nachmittag in Melide an und machte einen Abstecher zu den Ausgrabungen am Stadtrand. Melide ist ein schönes kleines Städtchen, welches zum Bummeln und Einkehren einlädt. Hier musste ich unbedingt die regionale Spezialität, den “Pulpo” (Tintenfisch) probieren. Später fand ich noch eine Eisdiele mit super leckerem Eis, direkt an der Kirche. Was für eine Schlemmermeile!

Das nächste Ziel auf meiner Wanderung nach Santiago war nach 22 Km Amenal. Mein Weg führte mich durch Eukalyptuswälder, die wunderbar dufteten und eine besondere Ruhe ausströmten. Es war noch früh, daher lief ich die ersten Kilometer allein ohne andere Pilger zu treffen. Es ist schön, mal keine Ablenkung zu haben und einfach mal den eigenen Gedanken nachhängen zu können. Viele Sachen gingen mir durch den Kopf, wichtige und unwichtige! Nun hatte ich die Zeit, mir über vieles klar zu werden. Mit einem freundlichen “Buen Camino” wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Es war eine Pilgerin aus Schweden. Sie lief auch allein, allerdings mit Gepäck! Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte, dass sie schon seit 6 Wochen pilgerte und in den Pilgerherbergen schläft. Ich fühlte mich fast etwas schäbig mit meinem leichten Tagesrucksack, angesichts ihres Megarucksacks mit 17 Kg Gewicht. Sie sah total fit aus und war noch super gut drauf – sie hatte meine Hochachtung.

Kurz vor Arzua traf ich immer mehr Pilger, da sich hier mein Weg mit vielen anderen Pilgerwegen vereint. Arzua ist überschaubar, bietet aber viele Herbergen und Lokale an. Besonders hier traf ich viele Pilger aus allen Herren Ländern. Was mir auffiel – es laufen viele allein oder max. zu zweit. Auch sind die Strecken, die sie laufen sehr unterschiedlich. Einige sind schon seit Wochen unterwegs, andere wiederrum laufen schon das 3. Jahr immer eine weitere Etappe auf ihrem Pilgerweg.

Nun stand meine vorletzte Etappe nach Santiago an. Amenal ist in 14 Km gut zu erreichen. Ich lief entspannt durch Eichenwälder und Pinienhaine, durch Wiesen und Felder. Ich kam an alten Bauernhöfen und neuen modernen Einfamilienhäusern vorbei. Ich traf unterwegs einige Jugendgruppen, die singend und lärmend einen Teil des Jakobsweges liefen. Ihre Unbeschwertheit steckte mich an und so lief ich glücklich und zufrieden mit mir und meiner Leistung beschwingt weiter. Ich hatte Zeit und mein Tagesziel war fast erreicht. Bei einer Herberge machte ich Rast, legte die Füße hoch, hielt mein Gesicht in die Sonne und gönnte mir einen Tinto de Verano – für mich eine Art Energy Drink!

Auch hier kam ich wieder mit Pilgern ins Gespräch. Alle waren glücklich morgen ihr Ziel, Santiago de Compostela, zu erreichen. Die Freude darauf, aber teilweise auch die Erschöpfung, stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Auch ich war stolz auf mich! War ich doch mit großen Selbstzweifeln, ob ich wohl den Weg schaffe, losgelaufen.

Heute hatte ich mein Pilgerziel voll im Blick. Vor mir lagen die letzten 22 Km bis Santiago de Compostela. Voller Vorfreude startete ich in diesen Tag und genoss das letzte Mal die Ruhe und die Natur. Immer mehr Pilger strömten auf die Stadt zu. Einige liefen fröhlich plaudernd, wieder andere bedächtig in sich gekehrt. Ich holte mir meinen letzten Stempel bei einem blinden Mönch. Er lachte und segnete mich, und wünschte mir eine gute Zeit. Alles auf Spanisch – was ich nicht kann – aber alles verstand! Ich hatte den “Monte del Gozo” – den Berg der Freude erreicht, jenen Hügel, von dem schon zu allen Zeiten jeder Pilger den ersten Blick auf Santiago mit seiner prächtigen Kathedrale hatte. Und nun gehörte auch ich dazu. Ich war selig, als ich im mittäglichen Flimmern der Luft die Kathedrale erkannt! Der Berg macht wahrlich seinem Namen alle Ehre. Schnell noch ein Erinnerungsfoto geknipst und schon nahm ich die letzten 5 Kilometer in Anlauf.

Über eine Autobahnbrücke erreichte ich den modernen, Industrie lastigen Speckgürtel Santiagos. Der metallene Schriftzug “SANTIAGO DE COMPOSTELA” war meine Eintrittskarte zur Stadt. Da es noch Mittagszeit war, gönnte ich mir in einem kleinen Park eine Pause, um dann gestärkt gen Zentrum zu laufen. Der Weg zog sich durch Wohnviertel und Ladenstraßen, vorbei an Schulen mit Spielplätzen und schönen Parkanlagen. Trotz der Mittagshitze herrschte reges Treiben, doch die meisten Leute hatten nur ein Ziel – die Kathedrale. Und ich auch! Nur noch über eine letzte Straße und ich hatte das historische Zentrum erreicht. Auf einmal sah alles ganz anders aus. Schmale Gassen mit kleinen Geschäften, Pilgerunterkünften und größeren Hotels wechselten sich mit schön restaurierten Wohnhäusern ab. Ich ließ mich voller Vorfreude vom Strom all der Pilger weiterziehen und erreicht so den Platz vor der Kathedrale. ICH WAR ANGEKOMMEN, wie viele andere auch. Sie lagen sich in den Armen, Jugendliche tanzten und sangen, manche standen nur andächtig da und ich mitten drin.

Ich ließ diese emotionsgeladene Atmosphäre auf mich wirken und wurde ganz ruhig. Sachte rollten zwei drei Tränchen verstohlen über meine Wangen. Ich hatte es geschafft, trotz aller Bedenken und Ängste – und ich hatte zu mir gefunden. Ich bin nicht gläubig, aber diese Erkenntnis war der Gewinn meiner Wanderreise. In einem schattigen Plätzchen genoss ich noch Stunden später diesen magischen Ort. Nach ein paar Erinnerungsfotos holte ich mir meine tapfer erwanderte Pilgerurkunde, die Compostela, ab. Ich war so stolz auf mich und sie bekommt zu Hause einen Ehrenplatz – versprochen! Der Besuch der Pilgermesse in der Kathedrale, mit dem einzigartigen Gesang einer Nonne und dem Schwenken des wohl weltgrößten Weihrauchfasses, war der krönende Abschluss des Tages.

Das Fazit meiner Wanderung auf dem Jakobsweg: Es wird nicht die letzte Reise dieser Art für mich gewesen sein. Mir wurde unterwegs von so viel schönen Touren berichtet, dass ich schon jetzt wieder eine neue Befürchtung habe, die – mich nicht entscheiden zu können.

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